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Was Unternehmen von der grünen Suchmaschine Ecosia lernen können

Lesezeit: ca. 8 Minuten

Bis vor einigen Jahren hatte das Thema Nachhaltigkeit in den meisten Kreisen noch einen umstrittenen Ruf. Menschen, die umweltbewusst lebten, wurden gerne als „Öko-Hippies“ abgestempelt. Unternehmen, die sich engagierten, waren rar – oder aber gehörten einer bestimmten Branche an.

Heute beweisen Unternehmen wie Ecosia, dass Nachhaltigkeit alle betrifft – und dass jede*r einen Teil dazu beitragen kann. Die grüne Google-Alternative steckt 100 Prozent ihres Gewinnes in den Klimaschutz.

Was können Unternehmen von dem Berliner Startup lernen? Und wieso ist Nachhaltigkeit ohne Transparenz nicht möglich?

Wie Ecosia mit seinem Geschäftsmodell die Welt erobert und rettet

Aus Verbraucher*innensicht sind nachhaltige Produkte besonders in der Lebensmittel- und Modebranche attraktiv – eben dort, wo sie in direkten Kontakt mit ihnen kommen. Hier scheint der Ruf nach umweltfreundlicher Verarbeitung und gerechten Arbeitsbedingungen besonders laut zu sein.

Dass Nachhaltigkeit deutlich mehr umfasst als Biolabel und faire Löhne, erklärt sich ganz leicht am Beispiel der grünen Suchmaschine Ecosia.

Dabei geht es nicht nur um erneuerbare Energie, mit der man die Server versorgt. Vielmehr schafft es die Google-Alternative, Nachhaltigkeit als holistisches, also ganzheitliches Konzept zu verstehen.

Startseite von Ecosia (Quelle: eigener Screenshot)

Rund 90 Millionen Suchanfragen werden in Deutschland täglich verarbeitet1, vornehmlich mit Google (Marktanteil November 2019: 94,74 Prozent2). Da fragt man sich zurecht: Was machen die anderen Player überhaupt auf dem Markt?

Ecosia pflanzt Bäume. Die Suchmaschine wurde 2009 von Christian Kroll gegründet und ist mit einem Marktanteil von 0,61 Prozent relativ klein (Stand: November 2019). Relativ wohlbemerkt, denn obwohl sie zahlentechnisch nicht mit Google mithalten kann, zeigt sie in einem Punkt ihre wahre Größe: dem Klimaschutz.

Bekanntheit erlangte das „grüne Google“ besonders für sein großes Aufforstungsprojekt. Über 111 Millionen Bäume hat das Berliner Start-Up bereits gepflanzt.

Im September 2020 waren es rund 3,5 Millionen Bäume (zum Vergleich: in ganz Berlin gibt es circa eine Millionen Bäume), die mit 80 Prozent des Gewinnes finanziert wurden.

Doch wie generieren sich Ecosias Einnahmen überhaupt?

Wie das Unternehmen hier selbst erklärt, verdient es Geld, indem Nutzer*innen auf Ads klicken – genauso wie bei Google und anderen Suchmaschinen. Pro Klick auf eine Ad sind das 0,5 Cent (Euro). Die Kosten, um einen Baum zu pflanzen, belaufen sich bei den „Tree Planting Partners“ von Ecosia auf etwa 22 Cent. Es braucht also durchschnittlich 45 Suchanfragen, um einen Baum zu pflanzen.

Fünf Millionen Anfragen werden täglich mit der Suchmaschine Ecosia getätigt. Dadurch wird pro Sekunde ein Baum gepflanzt. Das ist eine kollektive Errungenschaft, die zwar von Ecosia geboren wurde, aber von Nutzer*innen weltweit am Leben erhalten wird. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn Bäume sind die effizientesten CO2-Absorber und daher unverzichtbar im Kampf gegen den Klimawandel.

Nachhaltigkeit und Transparenz – ein unzertrennliches Paar

Für rund 80 Prozent der Deutschen ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema3. Doch es ist auch ein Thema, das von Verbraucher*innen kritisch beäugt wird – zurecht. Green Marketing ist ein Trend, auf den viele Unternehmen aufspringen. Ein paar gekaufte Labels hier, Green Washing dort und schon bekommt das Vertrauen der Konsument*innen einen Riss.

Dabei sollte es bei Nachhaltigkeit nicht darum gehen, das eigene Image zu polieren, sondern die Umwelt. Nachhaltigkeit sollte keine reine Marketingstrategie sein, die zu mehr Umsatz führt und das Gewissen beruhigt. Vielmehr ist es etwas, das am meisten Früchte trägt, wenn es aus Überzeugung umgesetzt wird.

Wie erkennen Konsument*innen nun den Unterschied zwischen marketingmotivierter Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit als Unternehmens-DNA?

Ecosia löst dieses Dilemma durch Transparenz. Die grüne Suchmaschine schafft es, sämtliche Zweifel zu beseitigen, indem sie offen und ehrlich kommuniziert.

Jeden Monat veröffentlicht Ecosia in seinem Blog den aktuellen Finanzreport. Dabei wird nicht nur ersichtlich, wie hoch die Einnahmen sind und wie viel Geld in den Klimaschutz fließt. Vielmehr bekommen User*innen hier einen umfassenden Einblick in den gesamten Geldverkehr. Das schließt neben Details zu Steuern auch operative Kosten wie Büroräume, Gehälter und Marketingbudgets mit ein.

 

Finanzbericht von Ecosia | September 2020 (Quelle: eigener Screenshot)

Das Marketingbudget fließt hauptsächlich in Paid Advertising, um die Bekanntheit des Unternehmens zu steigern. Auf dem YouTube-Channel bekommen User*innen zudem einen umfassenden Einblick in die Projekte. Regelmäßig gibt es hier nicht nur Updates zur Aufforstung, sondern auch Insights mit Arbeiter*innen vor Ort. Zusätzlich nutzt Ecosia die Reichweite des Kanals, um über den Klimawandel aufzuklären.

Privatsphäre bei der Suche – ist das überhaupt möglich?

Doch nicht nur der Schutz der Umwelt liegt Christian Kroll und seinem 70-köpfigen Team am Herzen. Für ein Social Business wie Ecosia ist es nur konsequent, das Schutzschild auch über die Privatsphäre zu halten.

Gerade Google hat als Big Player die Chance vertan, den Nutzer*innen das zu bieten, was sie sich eigentlich wünschen: ein Surferlebnis, bei dem keine Welle an persönlichen Informationen an fremde Strände gespült wird.

Bei der Menge an Daten, die Google via Services wie Android, Chrome, Gmail, YouTube und Google Analytics sammelt, ist eine gewisse Skepsis von Seiten der User*innen keine große Überraschung.

 

Was bietet Ecosia als Suchmaschine also in punkto Sicherheit und Datenschutz?

  • Es werden ausschließlich Daten gesammelt, die für die Verbesserung der Suchmaschine relevant sind
  • Daten werden nicht mit Drittanbietern geteilt oder an diese verkauft
  • Sämtliche Daten werden verschlüsselt gespeichert
  • Teile der IP-Adresse werden anonymisiert, bevor die Daten gespeichert werden
  • Nach sieben Tagen werden sämtliche Daten vollständig gelöscht

Beim Thema Datenschutz bleibt immer ein wenig Zweifel. Teils, weil das blinde Vertrauen diesbezüglich zu häufig ausgenutzt wird. Aber auch, weil die Standard-Nutzer*innen selten die technischen Aspekte hinter dem Tracking und der Anonymisierung nachvollziehen können. Hier muss man schlicht vertrauen, wenn man sich nicht in die komplexe Programmierer-Welt einlesen will.

Ecosia schafft zumindest insofern Abhilfe, als dass sie dir ermöglichen, in den Browser-Einstellungen „Do Not Track“ zu aktivieren, wodurch keinerlei Daten gesammelt werden.

Zudem wird dir hier sehr nutzer*innenfreundlich erklärt, wie die grüne Suchmaschine die Privatsphäre der User*innen schützt und welche Daten sie zu welchem Zweck sammelt.

Warum Ecosia mehr als eine alternative Suchmaschine ist

„Google zahlt Apple jedes Jahr 12 Milliarden Euro, damit sie Standardsuchmaschine sind. Das ist kein fairer Wettbewerb“, erklärt CEO und Gründer Christian Kroll beim Green Marketing Day. Diese Omnipräsenz schürt bei den User*innen natürlich Vertrauen.

Wenn überall Google genutzt wird, können dann Bing, Yahoo und Co. überhaupt vergleichbare Suchergebnisse liefern? Jein. Wie Ecosia selbst einräumt, wirst du bei einigen Suchanfragen nicht immer sofort finden, was du suchst.4 Die Suchergebnisse werden von Bing (Microsoft) geliefert und sind genauso zuverlässig wie bei Konkurrent Google – aber eben nicht immer so umfassend.

Um den Nutzer*innen die Suche zu erleichtern und exaktere Ergebnisse zu liefern, bietet Ecosia Search Tags. Suchst du beispielsweise nach einem YouTube Video, setzt du neben den Suchbegriff den Tag #yt und landest damit direkt bei den YouTube-Ergebnissen. (Die gesamte Liste für die Tags findest du hier).

Natürlich ist Ecosia als Suchmaschine noch nicht an den Punkt gekommen, an dem sie mit Google in Sachen Performance mithalten kann. Dafür ist der Suchgigant schlicht zu viele Schritte voraus – und wird es mit großer Sicherheit auch erst einmal bleiben.

Wenn Usain Bolt wieder und wieder an anderen Sprintern vorbeizieht, fragt sich kaum jemand, wieso die Konkurrenz überhaupt noch mitläuft.

Der Wettbewerb kann nun mal nur existieren, wenn mehrere Player mitspielen.

Wo Bolt seine Mitstreiter*innen dazu bewegt, schneller und besser zu werden, hat Ecosia das Potenzial, Big Tech Unternehmen in Zugzwang zu bringen.

Ecosia-Gründer Kroll auf dem Cover von Berlin Valley (Quelle: Berlin Valley)

Würde Google unser Modell adaptieren, dann wäre das Thema Klimawandel schlagartig gelöst.

Gründer und CEO Christian Kroll im interview mit Berlin Valley

In einer Welt, in der Nachhaltigkeit und Transparenz immer wichtiger für die Endverbraucher*innen werden – kann es sich da ein Google wirklich erlauben, nicht auf den E-Zug aufzuspringen?

Dabei geht es nicht darum, ob Ecosia Suchmaschinen-Marktführer werden kann. Vielmehr sollten die Big Player Verantwortung vor Profitabilität setzen.

Ecosia hat unter Beweis gestellt, dass dieses alternative Geschäftsmodell funktionieren kann. Viel zu häufig aber werden nachhaltige Unternehmen wie Ecosia als grüne Alternative betitelt. Ein möglicher zweiter Weg, wenn man mal von der Hauptstraße wegwill.

In den Köpfen vieler Nutzer*innen ist aber längst der Gedanke angekommen, Nachhaltigkeit nicht mehr als Alternative zu sehen, sondern als Normalität. Ziel sollte es also sein, den grünen Weg zu gehen und nicht-nachhaltige Abzweigungen als Notausgang parat zu halten.

Wie Ecosia selbst schreibt:

Ecosia als Standard-Suchmaschine zu verwenden und gelegentlich zu Alternativen zu wechseln, ist immer noch eine gute Möglichkeit, Bäume zu pflanzen.5

Antwort auf die User*innen-Frage: „Was mache ich, wenn ich nicht finde, was ich suche?“

Ecosia ist also nicht die grüne Alternative zu Google. Google ist die Alternative zu Ecosia, wenn du im Zweifelsfall nicht fündig wirst.

Fazit: Wer die Welt retten will, braucht keine Millionen auf dem Konto

In jedem Fall stellt das Berliner Unternehmen wiederholt unter Beweis, dass es Nachhaltigkeit, Ehrlichkeit und Transparenz nicht nur predigt, sondern praktiziert – und diese Werte auch an seine Nutzer*innen weitergibt.

Vor allem aber zeigt Ecosia, dass es durchaus möglich ist, als Unternehmen einen allumfassenden nachhaltigen Weg einzuschlagen.

Das bedeutet aber auch, dass ein Umdenken stattfinden muss: Profitabilität kann nicht immer an erster Stelle stehen, wenn Nachhaltigkeit aus Überzeugung angegangen wird. Muss es aber auch nicht. „Ich glaube, dass wir im 21. Jahrhundert davon wegkommen, dass jeder Millionär werden muss“, mutmaßt Ecosias Gründer und Geschäftsführer Christian Kroll beim Green Marketing Day.

Damit dem Werteversprechen auch langfristig nichts im Weg steht, wurde vertraglich festgelegt, dass das Unternehmen nicht käuflich ist. Wie Kroll hier erklärt, ist Ecosia nicht daran interessiert, besonders viel Profit zu machen, sondern besonders viele Bäume zu pflanzen.

Für die meisten traditionellen Unternehmen klänge das nach einer grauenhaften Idee, so Kroll. Aber Ecosia sei eben kein traditionelles Unternehmen.

 

TIPP: Hol dir die kostenlose Ecosia-App für dein Smartphone!

Hier erfährst du mehr:

Mit einer Geldkarte Bäume pflanzen

SEO und BING (Ecosia)

Cancel Culture und die Causa Oatly

Ecosia als Standardsuchmaschine festlegen

Quellen

1 htttps://emseo.de/google-suchanfragen-pro-tag-in-deutschland/

2 https://seo-summary.de/suchmaschinen/

3 https://de.statista.com/infografik/14379/yougov-statista-umfrage-zum-thema-nachhaltigkeit/

4,5 https://ecosia.zendesk.com/hc/de/articles/360016650100-Was-ist-wenn-ich-nicht-finde-was-ich-suche-

Headerbild by Singkham (Pexels)

Laura Gutensohn
Laura ist Junior Video Content Creator und primär für den Videocontent bei House of Yas verantwortlich. Während ihres Kommunikationdesign-Studiums legte sie ihren Fokus auf Film und Video und sammelte dort Erfahrungen in unterschiedlichen Disziplinen. Als Teil unseres Hoylistic-Teams schreibt sie Artikel mit den Schwerpunkten soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.
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