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Genderzeichen – Welches soll es denn nun sein?

Otto nutzt den Genderstern, Microsoft auch. Linkedin hat sich für den Doppelpunkt entschieden. Audi nutzt den Unterstrich. Und Xing wurde mit dem Mediopunkt auf Linkedin gesichtet. Schließt man andere Sprachen und deren Zeichen ein, kommen weitere Sonderzeichen hinzu. Welches Genderzeichen soll es denn nun sein? Zeit für eine Bestandsaufnahme. In diesem Beitrag beleuchtet die Expertin für gendergerechte und inklusive Sprache, Sigi Lieb, die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Genderzeichen.

Mehr als die Hälfte der 30 größten DAX-Konzerne sagen laut F.A.Z., sie gendern oder wollen es bald tun. Und viele andere Unternehmen, Organisationen, Verwaltungen haben sich längst für den Weg Richtung inklusive Sprache entschieden. Inklusiv deshalb, weil es um eine Sprache geht, die niemanden ausschließen oder diskriminieren will.

Ein Gastbeitrag von Sigi Lieb von gespraechswert.de

Das Binnen-I ist Schnee von gestern

Binnen-I und Slash-Strich stammen aus den 70er und 80er Jahren und der feministischen Bewegung, die Frauen in der Sprache sichtbar machen wollte. Wenn ich MitarbeiterInnen schreibe oder Kolleg/innen, spreche ich Männer und Frauen an. Moment. Fehlt da nicht was? Genau. Diverse Menschen, also alle, die sich nicht als Mann oder Frau einordnen lassen, bleiben ausgeschlossen. Deswegen werden diese Zeichen inzwischen nicht mehr gerne genutzt und vermutlich über kurz oder lang als Genderzeichen verschwinden.

Der Genderstern ist das bekannteste und am häufigsten genutzte Zeichen

Der Genderstern oder das Gendersternchen ist das Zeichen, das nach Beobachtung des Rates für deutsche Rechtschreibung und des Dudens am weitesten verbreitet ist und am häufigsten genutzt wird. Daher haben die Wörter Genderstern und Gendersternchen 2020 einen Eintrag in den Duden bekommen.

Vorteile des Gendersterns

  • Er ist eindeutig, weil er im Fließtext sonst keine Bedeutung hat (nur gelegentlich am Ende eines Absatzes als Fußnote).
  • Er ist sichtbares Zeichen für Gendervielfalt.
  • Viele Menschen kennen ihn und haben seine Bedeutung verstanden.
  • Er fügt sich typografisch gut in den Lesefluss ein.
  • Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband empfiehlt seit März 2021: Wenn schon Sonderzeichen, dann Stern.

Nachteile des Gendersterns

  • Screenreader lesen in der Standardeinstellung „Stern“ vor. Sie lassen sich aber so konfigurieren, dass sie eine kurze Pause vorlesen. Wichtig wäre ein Update der Reader-Software, damit der Stern zwischen zwei Buchstaben standardmäßig als Glottislaut gelesen wird.
  • In einigen Ausnahmefällen ist der Stern doppelt belegt (Fußnote, Malzeichen, Pflichtfeld).
  • Er funktioniert nicht in URLs, Dateinamen oder Hashtags.

Auch Ä, Ö oder Ü sollten häufig nicht im IT-Zusammenhang verwendet werden, ebenso das wunderschöne Alleinstellungsmerkmal der deutschen Sprache, das Eszett (ß). Trotzdem sind diese Buchstaben selbstverständlicher Teil der deutschen Sprache. Warum nicht auch der Stern.

Der Genderdoppelpunkt und seine Vor- und Nachteile

Im Laufe des Jahres 2020 hat der Genderdoppelpunkt an Zulauf gewonnen. Der Hauptgrund ist das verbreitete Narrativ, er sei barrierefrei. Das ist so leider nicht haltbar. Zu der Idee der Barrierefreiheit kam es, weil Screenreader in der Standardeinstellung beim Doppelpunkt eine Pause lesen. Das ist logisch, weil der Doppelpunkt ein Satzzeichen ist und Reader eine Satzzeichenpause machen. Diese ist aber deutlich länger als ein Glottisschlag, also die Pause zwischen Spiegel und Ei bei Spiegelei.

Vorteile des Gender-Doppelpunktes

  • Er wird von Screenreadern nicht als Wort vorgelesen.
  • Er ist unaufälliges Zeichen für Gendervielfalt. Das mögen viele, denen der Stern zu auffällig ist.

Nachteile des Gender-Doppelpunktes

  • Die vorgelesene Satzzeichenpause ist zu lang und wirkt störend.
  • Er ist doppeldeutig und daher eine Stolperfalle in der Standard- und der Brailleschrift, weil das Gehirn jedes Mal entscheiden muss: Satzzeichen oder Genderzeichen.
  • Wenn er überlesen wird, wird daraus ein generisches Femininum.
  • Er funktioniert nicht in URLs, Dateinamen oder Hashtags.
  • Je nachdem wie ein Algorithmensystem programmiert ist, besteht die Gefahr, dass die KI ein Maskulinum und das Wort in liest und dadurch frauenfeindlicher wird.

Alles in allem also baut der Doppelpunkt mehr Barrieren auf als er einreißt.

Der Gender-Unterstrich

Audi hat seine Entscheidung für den Unterstrich damit begründet, dass unklar sei, wie sich der Stern auf IT-Systeme auswirkt. Und ja, bei Dateinamen oder Hashtags kann ich den Unterstrich einsetzen, nicht aber Doppelpunkt oder Stern.

Vorteile des Gender-Unterstrichs

  • Er ist sichtbares Zeichen für Gendervielfalt.
  • Der Unterstrich kann auch in Dateinamen oder Hashtags verwendet werden.
  • Screenreader lesen eine Leerzeichenpause.

Nachteile des Gender-Unterstrichs

  • Sobald ein Text unterstrichen wird, ist der Unterstrich nicht mehr lesbar.
  • Der Unterstrich erfüllt in Dateinamen und anderen IT-Zusammenhängen häufig die Funktion Wörter zu trennen, ist an dieser Stelle also doppelt vergeben und damit eine Stolperfalle.
  • Er ist kaum verbreitet.
  • Er ist typografisch das längste der aktuell verfügbaren Sonderzeichen.

Der Gender-Mediopunkt

Der Mediopunkt ist im französischen Sprachraum das Mittel der Wahl und weit verbreitet. Hierzulande ist er ausgesprochen selten. Geschrieben sieht er so aus: Teilnehmerˑinnen.

Vorteil des Gender-Mediopunktes

  • Screenreader lesen die korrekte Pause, wie sie dem Glottisschlag oder einem Leerzeichen entspricht.

Nachteile des Gender-Mediopunktes

  • Er ist auf der deutschen Tastatur nur mühsam über Symbole zu erzeugen.
  • Er ist kaum bekannt.
  • Er ist in den Regeln für leichte/einfache Sprache bereits mit anderen Aufgaben belegt.

Screenreader lassen sich so einstellen, dass sie die Pause vorlesen

Wer sich am Vorlesen des Wortes Stern stört, kann den Screenreader so einstellen, dass er statt Stern eine Leerzeichenpause vorliest. Diese kommt dem Glottisschlag ziemlich nahe. Das lässt sich ebenso für den Unterstrich einstellen. Wie das geht, erklärt die blinde Texterin Lea Heuser in meinem Blogbeitrag zu Barrierefreiheit in der Kommunikation.

Beim Doppelpunkt dürfte die Einstellung problematischer sein. Denn der Screenreader kann nicht unterscheiden, in welcher Funktion ein Zeichen steht. Er ersetzt einfach alle markierten Zeichen, also auch die Satzzeichen.

Mehr Tipps zu gendersensibler Sprache und Barrierefreiheit findest du auf der Seite des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e.V. (DBSV).

Wie nutze ich den Genderstern richtig?

Der Genderstern wird zwischen Wortstamm und Endung gesetzt. Er markiert, dass es eine Vielfalt an Geschlechtsidentitäten gibt. Angewendet wird er dort, wo es in der Sprache eine Gendermarkierung gibt und ausgedrückt werden soll, dass alle Gender angesprochen werden. Dieses Prinzip gilt auch für die anderen hier vorgestellten Sonderzeichen Doppelpunkt, Unterstrich und Mediopunkt.

Wenn man so will, gibt es für Berufe, Funktionen und Titel drei Wörter im Singular und drei im Plural.

Wie nutze ich den Genderstern richtig?

(Grafik: Sigi Lieb, gespraechswert.de)

Bei Adjektiven und anderen Wortarten funktioniert es ähnlich, zum Beispiel geehrte*r oder jede*r. Wenn eine Verkürzung nicht möglich ist, wie zum Beispiel bei Personalpronomen, wird der Stern zwischen die beiden Pronomen gesetzt. Dabei ist es egal, ob du sie*er oder er*sie schreibst. Perspektivisch könnte sich sier als neutrales Pronomen durchsetzen. Das ist bisher aber noch nicht verbreitet und weitgehend unbekannt.

Wie ist das mit den Rechtschreibregeln?

Der Genderstern und andere Genderzeichen werden vom Regelwerk der deutschen Rechtschreibung bisher nicht erfasst. Das bedeutet, sie sind weder regelwidrig noch regelkonform. Sie sind ungeregelt. So wie zum Beispiel auch der Einsatz von Klammern in Wörtern in den Rechtschreibregeln nicht vorkommt und trotzdem ohne Stress verwendet wird.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung beobachtet die Debatte in der Gesellschaft und den Sprachwandel und wartet ab, wie sich der Sprachgebrauch entwickelt. Auf seiner Website schreibt er:

„Der Rat für deutsche Rechtschreibung bekräftigt in seiner Sitzung am 26.03.2021 seine Auffassung, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen. Dies ist allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann.

In seinem Bericht dazu legt der Rechtschreibrat dar, dass er die Entwicklung weiter beobachten und prüfen will. Dies tut er aus sprachwissenschaftlicher Sicht sowie im Rahmen seiner Aufgabe, die Schreibregeln im deutschen Sprachraum gemäß dem Gebrauch einheitlich weiterzuentwickeln.

Welches Zeichen soll es denn nun sein?

Der Sprachwandel ist derzeit sehr dynamisch. Und es bleibt spannend, wo wir beim Thema gendersensible und inklusive Sprache in einem Jahr oder in zwei Jahren sein werden.

Wenn du eine Präferenz oder Überzeugung für eines der Zeichen hast, dann nutze dieses Zeichen. Wenn du das Zeichen nutzen möchtest, das aus heutiger Sicht am ehesten nach einer Kompromiss- und Konsenslösung aussieht, ist das der Stern. Wichtig im Unternehmenskontext ist, dass sich das Unternehmen auf ein gemeinsames Zeichen einigt.

Sigi Lieb
Sigi Lieb, Inhaberin von www.gespraechswert.de berät und begleitet Unternehmen auf ihrem Weg zu inklusiver Sprache und gibt Seminare zum Thema „Richtig gendern im Businessalltag“.
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